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Das innere Kind gibt es nicht – und warum das ein Akt der Befreiung ist

Aktualisiert: 24. Juni

Ein Plädoyer für Bewusstheit, Verantwortung und einen ehrlichen Blick auf Spiritualität


Die Begegnung im Lädeli

Neulich war ich wieder einmal zu einem Besuch im Lädeli nebenan – dem Zentrum Schmid in Willisau. Ein Ort, an dem man nicht nur Räucherbündel kaufen, sondern auch Seelen begegnen kann. Bruno war da, und wie das so ist, wenn Gleichgesinnte sich treffen, driftet das Gespräch schnell in tiefere Gewässer.

Wir sprachen über Spiritualität, über die Verantwortung, die damit einhergeht, und plötzlich sagte er diesen Satz, der in mir nachhallte:

„Das innere Kind gibt es nicht.“

Ich lächelte. Endlich jemand, der das auch so sieht. Denn ganz ehrlich: Ich habe schon oft gespürt, dass dieser Begriff – so hilfreich er sein kann – in der heutigen Zeit oft falsch verwendet wird.



Was ist überhaupt dieses „innere Kind“?

Kind auf Baumstamm

In der psychologischen Arbeit und auch in der Hypnose ist das „innere Kind“ ein gängiger Begriff. Es beschreibt Anteile in uns, die aus der Kindheit stammen – Erinnerungen, Prägungen, Glaubenssätze. Dinge, die wir gelernt haben, um zu überleben, um geliebt zu werden, um dazuzugehören.

Wir alle haben sie. Und sie waren in ihrer Zeit sogar nützlich.

Sätze wie:

  • „Sei brav, sonst mag dich niemand.“

  • „Eigenlob stinkt.“

  • „Ich bin nicht gut genug.“

… waren oft Schutzmechanismen. Sie sicherten uns den Platz in der Familie, in der Gesellschaft, in der Schule – manchmal auch einfach nur das Überleben in schwierigen Konstellationen.



Aber: Sind diese Anteile wirklich ein „inneres Kind“ – oder doch nur gespeicherte Daten?

Wenn wir davon ausgehen – wie viele von uns im spirituellen Kontext –, dass wir nicht der Körper, nicht der Verstand, sondern reines Bewusstsein sind, dann wird es spannend.

Denn:


Bewusstsein altert nicht.Bewusstsein ist nicht in „Anteile“ gespalten. Es ist. Immer. Jetzt.

Was also „altert“, ist unser Körper. Was sich „entwickelt“, ist unser Geist – also die Festplatte, auf der wir Programme abgespeichert haben, um Menschsein zu lernen.

Diese Programme, unsere Prägungen, machen uns „funktionstüchtig“ in dieser Welt. Und ja – sie entstehen oft in der Kindheit. Aber sie sind nicht das Kind.



Hypnose und die Rückkehr zur Prägung

Ich arbeite mit Hypnose. Dort „reisen“ wir zurück. Aber nicht zu einem echten Kind in uns. Sondern zu einem Moment in der Vergangenheit, in dem sich eine Überzeugung eingeprägt hat.

Diese Überzeugung wirkt wie ein Filter über unserer heutigen Wahrnehmung.

In der Hypnose greifen wir auf diese „Datei“ zu – und verändern sie.

Wir überschreiben sie mit einer neuen Bewertung, einer neuen Wahl.

Nicht, weil wir unser inneres Kind retten müssen – sondern, weil unser Bewusstsein sich entscheidet, frei zu sein.




Kind trotzig

Die Gefahr des Missbrauchs

In den letzten Jahren beobachte ich aber auch eine gefährliche Tendenz:

Das innere Kind wird zur Ausrede.

„Ich bin halt so eifersüchtig, das ist mein verletztes inneres Kind.“
„Ich verletze andere, weil ich als Kind verletzt wurde.“

Hier wird nicht Heilung betrieben – sondern Verantwortung abgeschoben.

Das „innere Kind“ wird zur Ersatzperson gemacht, die für unsere heutigen Handlungen verantwortlich sein soll.

Und das ist nicht nur psychologisch fragwürdig – es ist auch spirituell ungenau.

Denn:

Du bist heute verantwortlich für dein Verhalten. Nicht dein früheres Ich.
Du bist das Bewusstsein, das heute wählen kann.

Heilung ist Integration – nicht Spaltung

Ja, es macht Sinn, mit kindlichen Prägungen zu arbeiten.

Ja, es ist heilsam, Mitgefühl für die Vergangenheit zu haben.

Aber es ist ein Unterschied, ob ich mich mit meinen alten Mustern konfrontiere – oder ob ich sie für meine heutigen Verhaltensweisen verantwortlich mache.

Heilung heißt: Ich erkenne, was war – und ich wähle neu.

Nicht: Ich bleibe dort stehen, wo ich verletzt wurde, und lasse diesen Teil weiterhin mein Leben steuern.



Persönlichkeitsanteile als Ressource – nicht als Identität

In der Hypnose oder in der inneren Parts-Arbeit nutzen wir häufig die Vorstellung von Persönlichkeitsanteilen – wie etwa den inneren Kritiker, den inneren Helfer, den Weisen oder eben das innere Kind.

Diese Anteile sind keine real existierenden Wesen in uns. Sie sind symbolische Konstruktionen, die es ermöglichen, bestimmte psychische oder emotionale Dynamiken gezielter wahrzunehmen und zu nutzen.

Richtig eingesetzt, sind sie ein kraftvolles Mittel zur Selbstführung:

Das „innere Kind“ kann dann z. B. als Quelle für Leichtigkeit, kreative Neugier oder unbefangene Freude stehen. Der „Logiker“ hilft uns, komplexe Situationen rational zu erfassen. Der „innere Krieger“ kann Mut und Klarheit fördern.

Aber: Diese Anteile sind keine Ausreden. Sie sind Werkzeuge.

Bewusstes Arbeiten mit Persönlichkeitsanteilen heißt, sie gezielt zu aktivieren – nicht, sich mit ihnen zu identifizieren.

So entsteht kein inneres Chaos, sondern innere Ordnung.

Keine Spaltung, sondern bewusste Integration.



Und was bleibt dann vom „inneren Kind“?

Vielleicht bleibt das Bild. Vielleicht bleibt die Symbolik. Ein kindlicher Anteil, der uns an Leichtigkeit, Neugier und unbedingte Freude erinnert.

Ein Seelenfunke, der gerne tanzt, spielt, kreativ ist.

Aber nicht, um uns zu entschuldigen – sondern um uns zu erinnern.

Daran, wie viel Freude im Menschsein steckt. Und daran, dass wir als Bewusstsein hier sind, um zu erleben, zu gestalten, zu heilen – nicht, um festzuhängen.


Fazit: Du bist kein zerbrochener Mensch – du bist ein ganzer Funke Bewusstsein


Du bist nicht dein inneres Kind.

Du bist nicht dein altes Trauma.

Du bist nicht deine Prägung.

Du bist das, was heute, in diesem Moment, bewusst wählen kann.

Und genau darin liegt die größte Kraft.


🪷 Wenn dich dieser Text inspiriert hat, teile ihn gerne mit anderen. Vielleicht eröffnet er auch ihnen einen neuen Blick auf Heilung, Identität und die unerschöpfliche Kraft des Bewusstseins.


Mit Liebe,

Yvonne


 
 
 

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