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Massive Kürzungen für pflegende Angehörige

Wenn Pflege plötzlich weniger wert ist


In den letzten Monaten wurde im Kanton Zürich eine Entscheidung getroffen, die still und leise enorme Folgen für Tausende Menschen hat – für jene, die zuhause jemanden pflegen. Und jetzt zieht auch Bern nach. In mindestens 8 weiteren Kantonen wurden ebenfalls bereits reduzierte Restfinanzierungen umgesetzt


Die Rede ist von der neuen Deckelung des Gemeindeanteils für Pflegeleistungen, die von angestellten pflegenden Angehörigen erbracht werden.

Und diese scheinbar rein technische Änderung hat eine brutale Konsequenz:


Die Löhne der pflegenden Angehörigen werden sinken.

Obwohl sie schon heute die billigste, flexibelste und belastendste Form der Pflege überhaupt leisten.


Facts:

Eine Stunde Grundpflege ( sogenannte C-Leistung ) kostet das Gesundheitssystem realistisch rund 80 Franken – denn die Spitex erhält zwar nur 52.60 Franken von der Krankenkasse, muss aber zusätzlich über die Restkostenfinanzierung der Gemeinden weitere 25 bis 35 Franken pro Stunde abrechnen, um ihre tatsächlichen Ausgaben zu decken. Also Ausgaben für Infrastruktur, Versicherungen, Lizenzen, Qualitätssicherung und co.

Wenn nun ein Kanton wie Zürich diesen Restkostenanteil bei pflegenden Angehörigen auf nur noch 15.75 Franken deckelt (in Bern sogar auf nur noch 14.50 Franken), fällt der Organisation ein entscheidender Teil der Finanzierung weg – und genau deshalb sinken zwangsläufig die Löhne der Angehörigen.



Was Zürich und Bern konkret beschlossen haben


Kanton Zürich

Ab 2026 übernimmt der Kanton bzw. die Gemeinde pro Stunde Pflege durch Angehörige nur noch 15.75 CHF als Restkostenbeitrag.


Kanton Bern

Ab 2026 wird der kantonale Restkostenbeitrag auf 14.50 CHF pro Stunde festgelegt.


Das heisst in der Praxis:

  • Die Krankenkasse bezahlt der Spitex (Ambulanter Pflegedienst) 52.60 CHF pro Stunde Grundpflege.

  • Der Kanton übernimmt nur noch einen minimalen Zusatzbetrag.

  • Die Spitex-Organisation muss aus diesen zwei Beträgen alles finanzieren:

    • Lohn für die pflegende Angehörige

    • Sozialabgaben

    • Administration

    • Begleitung durch Fachpersonen

    • Dokumentation

    • Infrastruktur

    • Organisation


Was bleibt also am Ende für die pflegende Angehörige?

Weniger als heute. Viel weniger.


Während viele pflegende Angehörige heute 35–42 CHF pro Stunde verdienen, werden die Stundenlöhne mit diesen neuen Deckeln zwangsläufig sinken – weil das Geld schlicht nicht mehr reicht.



Stapel mit Münzen


Die grosse Absurdität daran:

Angehörigenpflege ist die günstigste Pflegeform überhaupt


Dieser Schritt wäre vielleicht nachvollziehbar, wenn Angehörige die teuerste Form der Pflege wären.

Doch das Gegenteil ist der Fall.

Hier ein Vergleich, den jeder Laie sofort versteht:


Hospiz / stationäre Palliative Care

Kosten: 750–900 CHF pro Tag

Monat Dezember: 23’250–27’900 CHF


Pflege durch Angehörige zu Hause

Beispiel: 5 Std/Tag , 6 Tage/Woche

Dauer Dezember: 135 Stunden

Gesamt: ca. 10'800 CHF


Das ist bis zu 17’100 CHF weniger – pro Monat.

Und trotzdem kürzen die Kantone ausgerechnet hier.



Die offizielle Begründung – und warum sie schlicht nicht stimmt


Die Kantone argumentieren:

  • Pflege durch Angehörige sei günstiger, weil

    • keine Fahrtzeiten anfallen

    • weniger Administration notwendig sei

    • weniger Dokumentation erwartet werde

Diese Argumente sind nicht nur dünn – sie sind schlicht falsch.


1. Keine Fahrtzeiten? Richtig. Aber: keine Pausen, keine Nachtruhe, keine Ferien.

Pflegende Angehörige haben nicht nur keine Fahrtzeiten.

Sie haben:


  • keine Pausen am Vormittag, Nachmittag oder Abend

  • keine planbare Nachtruhe, weil jede Uhrzeit „Notfallzeit“ ist

  • keine Möglichkeit abzuschalten, weil sie immer in Rufweite bleiben muessen

  • keinen Wochenendzuschlag

  • keine Feiertagsentschaedigung

  • keine Ferienvertretung, ausser sie organisieren sie selbst

  • keine bezahlten Auszeiten, wenn sie selbst krank sind


Eine professionelle Pflegekraft arbeitet 8.4 Stunden pro Tag, geht nach Hause – und hat Feierabend.

Eine pflegende Angehörige hat 24-Stunden-Bereitschaft, 365 Tage im Jahr.

Diese Realität wird komplett ignoriert.


2. Angeblich weniger Dokumentation? Das Gegenteil ist wahr.

Ja, theoretisch müsste die Administration geringer sein.

Aber in der Praxis?


  • Krankenkassen fordern bei Angehörigenpflege immer mehr Nachweise.

  • Pflegebedarfsabklärungen muessen lückenlos sein.

  • Ohne detaillierte, professionelle Dokumentation werden Kostenübernahmen abgelehnt.

  • Immer mehr Spitex-Organisationen verlangen detaillierte Berichte – exakt wie bei diplomiertem Personal.


Das heisst:

Pflegende Angehörige müssen wie Profis dokumentieren,

aber werden nicht wie Profis bezahlt.


3. Das System braucht pflegende Angehörige – und gleichzeitig spart es genau bei ihnen

Die Schweiz würde ohne pflegende Angehörige zusammenbrechen.

Jedes Jahr werden Milliarden Franken an Gesundheitskosten eingespart, weil Familien bzw. Partner Pflege übernehmen, die sonst Heime und Hospize leisten müssten.


Trotzdem:

  • Werden die Löhne gesenkt

  • Werden die finanziellen Mittel beschnitten

  • Werden die Anforderungen erhöht

  • Und wird der Druck auf pflegende Angehörige grösser statt kleiner


Das ist nicht nur ungerecht.

Es ist unlogisch.Es ist kurzsichtig.

Und es untergräbt die Zukunft der häuslichen Pflege in der Schweiz.


Frau hält Mann am Arm


Wer davon profitiert – und wer es bezahlt


Profiteure:
  • Gemeinden (weniger Restkosten)

  • Kantone (weniger Budgetdruck)

  • Krankenkassen (schieben Verantwortung nach unten)


Verlierer:
  • pflegende Angehörige

  • schwerkranke Menschen

  • der gesamte Pflegebereich, langfristig


Denn wenn Angehörige die Pflege nicht mehr stemmen können, steigen die viel höheren Kosten für stationäre Einrichtungen.

Die kurzfristige „Sparmassnahme“ wird so zum Langzeit-Boomerang.



Und was heisst das für die Zukunft?


Wir werden immer mehr Menschen haben, die zuhause gepflegt werden müssen.

Doch wenn Kantone gleichzeitig:

  • mehr Anforderungen stellen

  • weniger Geld geben

  • und Angehörigenpflege immer unattraktiver machen

… dann wird niemand diese Aufgabe mehr übernehmen können.


Ein Hospiz kostet mehr.

Ein Heim kostet mehr.

Ein Spital kostet mehr.

Und trotzdem spart man ausgerechnet dort, wo die Pflege am effizientesten, empathischsten,

kostengünstigsten und menschenwürdigsten ist.



Zeit, dass wir darüber reden – laut und deutlich


Pflegende Angehörige leisten:

  • professionelle Pflege

  • emotionale Begleitung

  • medizinische Überwachung

  • palliative Betreuung

  • psychosoziale Stabilisierung

  • 24/7-Bereitschaft

  • und das alles oft unter eigener gesundheitlicher Belastung


Dafür einen Lohn zu kürzen,

mit fadenscheinigen Begründungen,

während stationäre Einrichtungen ein Mehrfaches kosten,

ist ein klarer Schlag ins Gesicht.


Pflegende Angehörige verdienen

Respekt.

Unterstützung.

Entlastung.

Und faire finanzielle Rahmenbedingungen.

Nicht weniger.

Mehr.


Lass uns dieses Thema gemeinsam sichtbar machen – schreib mir in die Kommentare, was du darüber denkst, was du erlebt hast und was sich deiner Meinung nach dringend ändern muss.

Deine Stimme zählt.



Von Herz zu Herz,

deine Yvonne



 
 
 

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